Die Winzer müssen progressiver werden
Hallo Herr Eichelmann, Ihre Champagne-Bücher gelten unter Kennern als Bibel des Champagners. 2023 ist Ihr Buch «Champagne 456» erschienen. Was ist neu im Vergleich zur 2017er Ausgabe?
Gerhard Eichelmann: Die Champagne ist eine derart dynamische Weinregion, in diesen sechs Jahren ist so viel geschehen, und selbst in den zwei Jahren, seit mein englischsprachiges Champagne-Kompendium erschienen ist, so dass die neue Ausgabe ein komplett neues Buch ist. Schon die Zahl im Titel spricht für sich: 456 Erzeuger stelle ich vor und ich präsentiere ausschließlich Champagner, die ich in den letzten beiden Jahren verkostet habe. Viele der Erzeuger sind ganz neu, die gab es also 2017 noch gar nicht, und auch bei den Erzeugern, die ich schon in vorherigen Ausgaben vorgestellt habe, gibt es eine Vielzahl von Veränderungen, viele neue Cuvées, aber auch Änderungen im Anbau (Bio!) und in der Vinifikation. Im Unterschied zur 2017er Ausgabe stelle ich auch einzelne Champagner von Erzeugern vor, von denen ich nicht die komplette Kollektion verkosten konnte, bei diesen Erzeugern verzichte ich aber konsequent auf eine Betriebsbewertung. Insgesamt aber stelle ich mehr als ein Drittel der Erzeuger erstmals vor.
Frage: Es gibt viele Highlights in Ihrem Buch. Ist etwas dabei, das Sie überrascht hat?
Ich habe zu viele Favoriten, als dass ich einen einzelnen benennen möchte. Überrascht haben mich viele Winzer, aber auch große Häuser, die sich stilistisch und qualitativ weiterentwickelt haben.
Frage: Wie kann man sich Ihre Recherchen eigentlich vorstellen: Kommen Sie überraschend zu den Winzern? Melden Sie sich an? Wird Ihr Besuch gefürchtet? Oder prüfen Sie die Weine zu Hause im stillen Kämmerlein?
Ich besuche niemals unangemeldet Winzer, weder in der Champagne noch in Deutschland. Ich denke, dass sich die meisten Winzer freuen, wenn ich sie besuchen möchte. In der Champagne kenne ich viele schon seit zwanzig Jahren, Winzer, die damals noch völlig unbekannt waren, heute aber die „Stars“ sind. Es freut mich sehr, dass die sich immer noch viel Zeit nehmen, wenn ich mal wieder zu Besuch komme. Leider ist das heute viel zu selten, aus Zeitgründen und weil ich natürlich auch „neue“ Winzer besuchen möchte. Gerne verkoste ich aber auch „im stillen Kämmerlein“, weil mir das die Möglichkeit bietet, Champagner verdeckt zu verkosten – immer eine spannende Erfahrung.
Frage: Es gibt zurzeit einige Veränderungen in der Champagne: Der Klimawandel erwirkt, dass die Ernte immer früher stattfindet, neue Rebsorten werden entwickelt und Winzerweine sind heute sehr populär. Was finden Sie am auffälligsten?
Bisher ist die Champagne ein Profiteur des Klimawandels: Die Trauben werden heute reif! Früher hat man nur in besonders guten Jahren Jahrgangschampagner erzeugt, vielleicht drei Mal in einem Jahrzehnt. Heute ist das praktisch in jedem Jahr möglich. Die reifen Trauben machten es auch möglich, die Dosage drastisch zu reduzieren. Aber der Klimawandel birgt natürlich auch Gefahren, die frühere Ernte bewirkt, dass heute auch bei hohen Temperaturen geerntet wird, und zusammen mit Regen zur falschen Zeit kann dies zu Fäulnisproblemen führen, so wie es bei der Ernte 2023 bei Meunier und Pinot Noir der Fall war.
Frage: Was halten Sie von Experimenten mit neuen Rebsorten?
Die sind wichtig und notwendig. In der Champagne konzentriert man sich vor allem auf Piwi-Sorten wie Voltis, und man beschäftigt sich mit denen, die die Kosten im Anbau reduzieren. Die Forscher und Winzer könnten da ruhig etwas progressiver sein – und auch mit anderen „traditionellen“ Rebsorten experimentieren, so wie man es bereits in Bordeaux getan hat.
Frage: Und zum Schluss – wie wird sich die Champagne zukünftig angesichts des wachsenden Sparkling-Marktes in England und den USA und in Konkurrenz zu Sekt und Prosecco, die vor allem bei jungen Leuten selbst in Frankreich immer beliebter werden, behaupten können? Manche Champagner-Hersteller schlagen jetzt schon Alarm und befürchten Anteilsverluste.
Der Markt für „Sparkling“ wächst weltweit und wird weiter stark wachsen. Die Champagne wird zwangsläufig Marktanteil prozentual verlieren, auch wenn der eigene Absatz steigt, da die Appellation nicht unbegrenzt erweitert werden kann. Aber mit der seit 2021 stark gestiegenen Nachfrage hat man sich ja nun auch wieder auf das lange Zeit stillgelegte Projekt der Erweiterung der Champagne besonnen, so dass es zukünftig auch mehr Champagner geben kann.
Die Fragen stellte Martin Roos.